Red Bricks

Nach einem gemütlichen Abend starten wir ebenso gemütlich in diesen wegen seines Datums für uns besonderen Tag. Wir wollen Tampere entdecken, sind aber unentschlossen, wo und womit wir beginnen sollen. Kirchenbesichtigungen scheinen uns naheliegend und ein guter Start. Wir steuern also einen Parkplatz in der Nähe der orthodoxen Kirche an. Sie liegt am einen Ende der Tuomiokirkonkatu, der lutherischer Dom am anderen. Parken hier ist nicht gerade billig, wir „gönnen“ uns eine Stunde. Die orthodoxe Kirche ist geschlossen, so können wir sie nur umrunden. Von außen ist sie mit ihren verzwiebelten Türmen aber sehr eindrucksvoll und vermittelt etwas Russland-Feeling.

orthodoxe Kirche von Tampere

orthodoxe Kirche von Tampere

Weiter geht es nun die Tuomiokirkonkatu entlang Richtung Dom. Die Straße an sich ist wenig interessant. Dann erreichen wir den Dom. Schon von außen wirkt der Anfang des 20. Jahrhunderts errichtete Bau irgendwie nach „neu auf alt gemacht“. Der Reiseführer hat uns verraten, dass er als eine der Hauptschöpfungen der finnischen Nationalromantik gilt. Doch, was wir uns darunter genau vorstellen sollen, ist uns bisher unklar, obwohl wir in Helsinki auch schon hier und da über den Begriff gestolpert sind

luterischer Dom, errichet nach Plänen von Lars Sonck

luterischer Dom, errichet nach Plänen von Lars Sonck

Der erste, äußere Eindruck hält sich auch im Inneren. Die Wände dieser mit vielen Bögen, aber gleichzeitig hallenartig gebauten Kirche sind reich mit Gemälden bekannter finnischer Künstler wie Hugo Simberg oder Magnus Enckel ausgemalt. So zeigt das Altarbild eine Interpretation des Auferstehungsthemas, links im Nebenschiff ist der „Garten des Todes“ dargestellt und oben rechts auf der Empore eine Variante des bekannten Bildes „der verwundete Engel“. Um die Empore herum läuft die „Girlande des Lebens“, getragen von zwölf nackten Jungen. Der Faltflyer erklärt uns, dass Menschen aus Tampere für die Gemälde  Vorlage standen.

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mit Gemälden bestückter Innenraum

Nicht nur die Wände und die Empore, auch die vielen Bögen und Wölbungen sind verziert und bemalt. So zeigt sich über einem etwa eine schwarze Schlange, umgeben von Engelsflügeln. Die meisten Bögen sind mit Rosen und Dornen ausgemalt. Immer wieder stellt sich mir die Frage: „Ist das Kitsch, oder kann das weg?“. Herr Zweibein formuliert es so: „Ein bisschen wie eine Kirche in einem Freizeitpark“. Aber irgendwie hat das Ganze auch etwas. Ob nun hübsch oder nicht, vergessen wird man diese Art der Kirchengestaltung so schnell sicher nicht.

ausgemalte Hauptwölbung

ausgemalte Hauptkuppel

ausgemalte Bögen und Wölbungen

ausgemalte Bögen und Wölbungen

Das Parkticket neigt sich seinem Gültigkeitsende entgegen und so steuern wir wieder das Auto an. Doch kurz vorher husche ich noch kurz in einen dieser witzig-alternativ aussehenden Klamotten- und Krimskramsläden, von denen es in Finnland einige gibt. Dann steuern wir einen Park an: Natur und Hundespaziergang scheint nach Kirchenbesichtigung eine gute Abwechslung zu sein. In der Tat lässt sich hier in schönstem Herbstwetter direkt am Wasser spazieren.

am Strand bei Pyynikki

am Strand bei Pyynikki

Da wir noch ausreichend Zeit haben bis das geplante Abendprogramm (ein Minimetalfestival) beginnt, entscheiden wir uns für einen Stadtrundgang. Mit einer Karte, in der Tourenvorschläge eingezeichnet und wichtige Punkte markiert und kurz erklärt sind, machen wir uns an unsere self-guided Tour durch Tampere und beginnen in dem Viertel, in dem unser Apartment gelegen hatte.

an der Esplandie

an der Esplanadie

Wir lernen etwas über den Aufschwung Tamperes im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Die starke Ströumg des Flusses, der die beiden Seen Näsijärvi und Pyhäjärvi verbindet, und die sich daraus ergebende Wasserkraft wurde zuerst von der Textilindustrie genutzt, dann kamen weitere Zweige dazu. Wir passieren die Stromschnellen zum ersten Mal im Norden bei Näsi-Park mit Blick auf eine zu einem Museumszentrum umgewandleten Maschinenbaufabrik.

über den Tammerkoski mit Blick auf das Museumszentrum Vapriikki

über den Tammerkoski mit Blick auf das Museumszentrum Vapriikki

Dann kommen wir zum Gebiet der Finlayson-Fabrik. Es war die erste in Tampere gegründete. Für die vielen Arbeiter reichten die in der Stadt vorhandenen Kirchen bald nicht aus und so ließ der damalige Fabrikleiter eine kleine Kirche errichten.

Finlayson-Kirche

Finlayson-Kirche

Nach der Kirche werden wir weiter durch das Finlayson-Areal geführt. Auch hier hat sich Kultur und Gastronomie in den alten Mauern angesiedelt. Ebenso wie das Gebäude der ehemaligen Papierfabrik Frenckell, das wir kurz darauf erreichen, nun eine Bühne des Tampere-Theaters beherbergt.

Industrie und Kultur - diese Beggnung prägt das ganze Stadtbild Tamperes

Industriegebäude und Kultur – diese Begnung prägt das ganze Stadtbild Tamperes

Dann laufen wir weiter flussabwärts und erreichen den zentralen Platz Tamperes. Hier ist gerade mächtig was los: Es spielt laute Musik und überall laufen junge Menschen mit bunten Hosen voller Aufnäher herum. Es findet eine Art Studentenabschlussfest statt, das die ganze Stadt durchzieht. Die Veranstaltung ist als eine Art Kneipentour mit Laufzetteln gestaltet, so viel kann uns eine Finnin erklären. Den vielen repräsentativen Gebäude am Platz kann das bunte Treiben wenig anhaben.

Keskustori

am Keskustori

Blick zum nachträglich gebauten Glockenturm der alten Kirche und dem Tampere-Theater

Blick zur alten Kirche und dem Tampere-Theater

Dann führt uns der Weg mitten hindurch durch die gemütliche Markthalle. Hier neigt sich die Betriebsamkeit schon dem Ende zu, doch strahlt die Halle ein ganz besonderes Flair aus. Hier würden wir sicherlich öfter einen Kaffee trinken, würden wir in der Stadt wohnen.

in der Kauppahalli

in der Kauppahalli

Wir sind am nördlichen Ende des Tammerkoski angelangt und setzen nun wieder auf die andere Seite über. Hier können wir noch einmal viele der Gebäue betrachten, an denen wir zuvor entlang gelaufen sind. So etwa den markanten Schornstein der Papierfabrik Frenckells und die Stromschnellen, an denen die Fabrik angesiedelt war.

markantes Stadtbild

markantes Stadtbild mit Schornstein der Frenckells-Papierfabrik im Vordergrund

Jeden Meter, den wir in dieser Stadt gelaufen sind, habe ich mich mehr in sie verliebt. Die Mischung aus alten Industrie-Backsteingebäuden, viel Kultur und einigen schnuckelig aussehenden Cafés, haben es mir und uns angetan. Tampere werden wir in bester Erinnerung behalten.

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