A nebulous and misty forest

Gut gelaunt laufen wir am Montagmorgen los auf den Herajärven Kjerros (Herajärvi Trail). Wir haben Proviant für 2,5 Tage eingepackt und sind gespannt, was der Weg bringen mag. Wir haben verschiedene Schlafplatzoptionen im Hinterkopf. Ruhig und verschlafen, etwas neblig liegt der Wald vor uns, als wir unsere Tour beginnen.

Beginn des Herajärvi-Trail

Beginn des Herajärvi-Trail – das Tor zu einer anderen Welt

Wir laufen vorbei an Tannen, mossbedecktem Waldboden, ein paar orange verfärbten Birken. Je weiter wir in das Waldgebiet dringen, desto tiefer und dichter umgibt uns der morgendliche Nebel. Er gibt allem einen Hauch des Unwirklichen, Nebulösen. Er macht aus dem Wald einen besonderen Ort. Und auch die nebligen Lichtungen die wir passieren, scheinen wie aus einer anderen Welt.

neblige Lichtung

neblige Lichtung

Der Weg verläuft als schmaler Pfad. Für kurze Strecken führt er eben über weich-federnden Waldboden, aber meist ist der Weg von Steinen und Wurzeln durchzogen. Sie erschweren das Vorankommen. Denn durch die hohe Luftfeuchtigkeit sind sie nass und rutschig. Man muss gut Acht geben, wohin man tritt. Der Weg erklimmt immer wieder kleine Anhöhen und führt dann wieder steil hinab. Das viele Moos, das hier wächst, freut sich indes über das feuchte Klima: Es hat sich mit dem Wasser vollgesaugt und liegt in kräftigen Farben neben uns. Immer wieder staune ich über den Artenreichtum.

im Märchenwald

im Märchenwald

Auf einer etwas längeren Anhöhe passieren wir auf rutschigen Planken eine großes Moorgebiet. Die ersten 8 Kilometer liegen nun hinter uns und wir pausieren an einer überdachten Feuerstelle. Das Feuer will nicht richtig anziehen, aber wir können wenigstens unsere nasse Kleidung ausziehen und etwas auslüften.

auf Planken zum Rastplatz Ryläys

auf Planken zum Rastplatz Ryläys

Dann gehen wir weiter. Wir passieren einen Aussichtsturm und lassen ihn links liegen. Es ist nichts zu sehen als Nebel. Die anfängliche Freude über diesen mystischen Hauch auf dem Wald trübt sich. Denn für keinen einzigen der steilen, rutschigen An- und Abstiege wird man mit Aussicht belohnt. Unter einem schwimmt nur Nebel – und wenn man nicht aufpasst, schwimmen die Füße auf den nackten Felsen, über die der Weg immer wieder führt. Als wir weitere 10 km später in Kiviniemi ankommen, ändern wir daher unsere losen Pläne: Wir werden nur den nördlichen Herajärvi-Trail laufen und hier übernachten. Der Platz hier ist ansprechend, und etwas abseits gibt es sogar ein Saunahäuschen. Hier möchten wir gerne den Nachmittag und Abend verbringen – es kommt ja nicht nur darauf Kilometer auf den Zähler zu bringen, sondern auch einfach Zeit in der Natur zu verbringen.

open shelter in Kiviniemi

open shelter in Kiviniemi

Wir bringen erstmal unsere Rucksäcke in das Shelter. Dann säge und hacke ich eine erste Fure Holz, damit wir das Feuer in der Mitte des Shelters, das gerade als wir an der Hütte angekommen sind zwei finnische Teenager angemacht haben, am Leben erhalten können und es warm und gemütlich haben. Dann schnappen wir die beiden Bierdosen und Gemüsechips, die wir für einen netten Abend eingepackt haben und steuern das Saunahüttchen an. Das Bier stelle ich erstmal im See kalt, während Herr Zweibein Holz für den Saunaofen zurecht macht.

so kann man Bier auch kühlen

so kann man Bier auch kühlen

Nach unserer „original“ finnischen Sauna mit Bier – die Kombination steht bei Finnen sehr hoch im Kurs – kehren wir zu unserem Nachtlager zurück. Aus der Glut ist schnell wieder ein Feuer entfacht. Und so kochen wir im Schein der Feuers und einer in der Saunahütte gefundenen Kerze unser vorbereitetes Essen und schlafen schließlich mit Blick auf knisterndes Feuer ein.

Am Feuer

Am Feuer

Da wir das Feuer die Nacht über am Leben erhalten, erwachen wir am Morgen, wie wir eingeschlafen sind: Mit Blick auf das Lagerfeuer und dem Knacken von Holz im Ohr. Wir starten gemütlich in den Tag – durch die Planänderung haben wir es nicht eilig.

Blick in das Shelter

Blick in das Shelter

Dann ziehen wir los – und müssen nach ein paar Metern laufen auch schon den See überqueren. Dafür liegt hier ein kleines Boot an einem Seil, das man zu sich her ziehen kann. Der Steg zum Boot ist voller Jugendlicher: Netterweise lässt der Gruppenleiter uns vor. Auf dem Boot erfahren wir, dass die Jugendlichen ein deutsch-finnischer Austausch ist. Ein tolles Schulprojekt, denke ich.

mit Seilbootfähre über den See

mit Seilbootfähre über den See

Wir laufen zunächst am Seeufer durch lichten Birkenwald, dann kommen wir wieder in dichteren Mischwald. Es ist neblig wie am Vortag, jedoch ein klein wenig lichter – aber vielleicht sagen uns das auch unsere Motivation und unser Optimismus. Neben uns zieren Spinnweben die Bäume, als nasse Dekorationsfäden hängen sie im Nebel.

nasse Spinnweben

nasse Spinnweben

Dann haben wir den Platz erreicht, den wir eigentlich als erste mögliche Übernachtungsstelle ins Auge gefasst hatten. Wir sind froh die Nacht in Kiviniemi verbracht zu haben – auch, wenn es hier am See auch nett ist. Wir machen etwas abseits der Feuerstelle eine kleine Rast. Die Feuerstelle ist von dem Teil der Jugendgruppe besetzt, die mit dem Kanu übergesetzt ist. Dann treffen auch die Jugendlichen ein, die hinter uns gewandert sind. Herr und Frau Vierpfote verfolgen das rege Treiben natürlich interessiert.

Am Rastplatz Lakkala

Am Rastplatz Lakkala

Wir ziehen weiter und passieren zunächst einige Sumpfgebiete auf Planken. Hier kommen wir nur langsam vorwärts, denn die nassen Planken sind teilweise morsch und durchgehend rutschig. Die Hunde hinter uns laufend tasten sich unsere Füße vorwärts und probieren aus, welche Trittart am meisten Trittsicherheit gewährleistet. Die Augen staunen derweil über das satte Grün der unterschiedlichen Moos- und Flechtenarten, die hier wachsen.

Grüne Pflanzenpracht im Sumpfgebiet

Grüne Pflanzenpracht im Sumpfgebiet

Dann führt der Weg wieder auf eine Anhöhe. Eine Lichtung taucht vor uns im Nebel auf. Große Birken stehen hier, einige niedrige Büsche und wie wahllos hingeworfen mossbewachsene Steine. Große und Kleine. Die Lichtung hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Man wartet geradezu darauf hier Irrlichtern und Elfen zu begegnen oder von Tom Bombadil auf einen Kaffee eingeladen zu werden.

Lichtung

Lichtung

Kurz darauf biegen wir vom offiziellen Weg ab und folgen einem kleinen Rundweg, der unter anderem zur Pirunkirkko führt: Ich verstehe nur Kirche (kirkko) und würde eine Kirche mitten in dieser Natur zu gerne besichtigen. Der Weg führt an einem verträumten See vorbei von einer Waldseite zur anderen. Ganz ruhig ist es hier. Keine Tiere sind zu hören, keine Wind. Stille umgibt uns. Der Wald schreibt seine eigene Zeit. Hier im „Regenwald, in dem jemand die Heizung ausgeschalten hat“ herrscht ein ganz eigenes Tempo – oder auch Nicht-Tempo.

t81b07

Waldsee

Der Weg führt die nächste Anhöhe hinauf zu einer Lichtung ähnlich der ersten. Hier gibt es aber eine Feuerstelle, eine mietbare Hütte und eine kleine Schutzhütte. Wie legen nochmal eine Rast ein. Es ist Mittagszeit. Während wir eine Kleinigkeit kochen, ruhen sich die Hunde aus. Sie sind müde. Auch ihnen macht die Luftfeuchtigkeit zu schaffen. Sie stürzen sich nur so auf jede Wasserstelle, die wir passieren. Da Frau Zweibein am liebsten mit erhöhtem Kopf liegt, krallt sie sich meine Füße als Kopfkissen – ein praktisches Heizkissen. Sowieso entwickelt sie sich zu einer guten Wanderbegleiterin und reicht mir nach jeder Pause den umgefallenen Wanderstock, so dass ich mich mit dem schweren Rucksack nicht bücken muss.

Mittagspause

müde Krieger

Während wir gekocht haben, hat es draußen zu regnen begonnen. Wir packen daher bevor wir weiterziehen alles sicher in unsere Rucksäcke und ziehen ihnen den Regenschutz über. Dann erreichen wir die „Pirunkirkko“. Ich sage noch: „Sollen wir uns die Infotafel zuerst durchlesen?“. Doch wir sind zu neugierig und denken uns „die können wir auch später noch lesen“. Allerdings finden wir keine Kirche. Steile Treppen führen uns nur zu Felsen auf halber Höhe einer Steilwand. Wir kehren also doch zur Infotafel zurück: Die „Kirche“ entpuppt sich als Höhle, die im Volksmund „Teufelskirche“ genannt wird. Höhlenbesichtigung mit Hunden und großen Rucksäcken ist allerdings nicht nach unserem Geschmack. Wir ziehen also weiter. Wieder über denselben Bergrücken zurück zum eigentlichen Weg: 9 Kilometer liegen noch vor uns, bis wir das Auto erreichen. 9 Kilometer durch Nebel, über Wurzel und Steine, runter und hoch, wieder runter und hoch. 9 Kilometer an Aussichtsfelsen vorbei, unter denen sich nur Nebel erstreckt. Uns fehlt der Weitblick. Dann haben wir es geschafft: 38 Kilometer und zwei Tage in dieser unwirklichen, nebelbehafteten Welt liegen hinter uns. Jetzt heißt es wieder Ankommen im Hier und Jetzt.

 

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